Appalachian TrailTagebuch

Virginia Blues und tolle Ausblicke

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Ich bin mit dem Tagebuch leider deutlich in Rückstand geraten. Deshalb fasse ich stattdessen nun die letzten Wochen und meine schwankende Stimmung zusammen.

Nach den zwei Ruhetagen in Damascus ging es für Ryan und mich zunächst in die Grayson Highlands. Dieser Abschnitt gehört für mich unzweifelhaft zu den schönsten bisher, denn man hat ein atemberaubendes Panorama. Dazu laufen hier wilde Ponys durch die Gegend, was eine zusätzliche Abwechslung bietet.

Man müsste denken, dass bei einer so schönen Gegend auch meine Stimmung auf einem Höhepunkt ist. Aber, weit gefehlt. Ich schleppe mich einen nicht unerheblichen Teil der Tage die Berge unmotiviert rauf und runter. Dabei stelle ich mir vor, was ich stattdessen mit dieser Zeit und dem Geld anstellen könnte.

Warum? Es gibt hier ein Sprichwort, dass da heißt: „Lass dir vom Wandern nicht die Wanderung verderben.“ Ich glaube, genau das passiert mir jedoch momentan. Wir haben unser Tagespensum zwischenzeitlich immer weiter gesteigert und erreichen nun häufig die 20 Meilen. Das bedeutet also in 9 bis 10 Stunden mehr als 30 Kilometer durch die Berge zu juckeln. Und das fühlt sich zunehmend nach täglicher Arbeit, statt genussvoller Freizeitgestaltung an. In einer Beziehung würde man wohl sagen, der Alltag ist eingekehrt. Hier nennt man das den „Virginia Blues“.

Denn Aufregung und Freude sind bei den meisten längst verflogen, wenn man im gefühlt unendlichen Virginia ankommt. Ich bin da leider keine Ausnahme und verfange mich zunehmend in negativen Gedankenspiralen. Das geht dann in etwa so:

Boah, ist das anstrengend!
Warum mach ich das nochmal?
Wie lange/weit heute noch?
Diese Sache sollte mir doch Spaß machen!?
Statt hier durch den Matsch zu stapfen, könnte ich jetzt auch xyz machen!
Würde mir xyz nicht viel mehr Spaß machen?
Weniger anstrengend wäre es auf jeden Fall!
Wann ist endlich Mittag?

Und so weiter und so fort.

Keine Sorge, das ist nicht jeden Tag so. Aber es ist definitiv zunehmend eine mentale Herausforderung. Und es gibt Tage, an denen möchte ich einfach das Handtuch werfen und etwas anderes machen.

Dagegen gibt es allerdings natürlich auch immer wieder sehr schöne Momente!

Seit Kay vor ca. 2 Wochen hier wieder angekommen ist, haben wir dank ihm quasi ein Teamwagen. Das bedeutet, wir können an vielen Tagen slackpacken (mit leichten Tagesrucksäcken wandern), kommen häufig an Bier und Cola und sind insgesamt mobil. Wir erliegen dadurch allerdings auch häufig der Versuchung in Motels abzusteigen, statt im Matsch zu zelten.

Wir haben die Traildays in Damascus genossen und viele Bekannte wiedergesehen, die inzwischen vor oder hinter uns sind.

Wir haben jede Menge tolle Aussichten, Wasserfälle und Begegnungen mit Tieren (Frösche, Rotwild, Greifvögel, Schlangen, Salamander etc.) erlebt. Dazu haben wir auch noch ein absolutes Highlight des Trail absolviert: den McAfee Knob –  völlig zu Recht der meistfotografierte Ort auf dem Trail. Dort haben wir einen spektakulären Sonnenaufgang gesehen (siehe Titelbild), für den ich freiwillig um 04:30 Uhr aufgestanden bin.

Wir haben außerdem diverse Meilensteine erreicht wie z.B. 1/4 der Strecke, 1000 Kilometer und inzwischen über 700 Meilen.

Ryans Vater hat uns zudem weiter mit Fresspaketen versorgt, so dass wir inzwischen kaum noch hinterher kommen. Der Teamwagen ist also gefüllt mit Nahrung.

Die Leute mit denen wir hier unterwegs sind, sind ebenfalls große klasse. Und mit Kay und Ryan hab ich sehr gute Freunde um mich herum, während die Sonne hier mächtig den Sommer einleitet.

Es gibt also eigentlich keinerlei Grund zur Klage!

Zum Beweis hier eine kleine Bildersammlung der vergangenen Wochen:

Wie schön und erlebenswert das ist, ist mir an den beiden Zeros, die wir gerade in Daleville einlegen, auch noch mal klargeworden. Ich muss trotzdem etwas ändern um den Kopf wieder frei zubekommen.

Ich werde deshalb ab sofort wieder verstärkt den Fokus auf den Spaß legen, statt nur den großen Meilen nach zu jagen. Das bedeutet mehr Zeit zum Genießen der Aussichten, das Zelt aufschlagen wenn wir keine Lust mehr haben und Ruhetagen einlegen wenn uns danach ist.

Dadurch riskieren ich auf der anderen Seite, dass ich nicht den ganzen Weg in der Zeit meines Visums schaffe. Gegebenenfalls müsste ich dann also einen Teil überspringen um am Ende Maine zu sehen… Mal schauen, wie sich die nächsten Tage entwickeln. Morgen geht es jedenfalls weiter auf dem Appalachian Trail.

Christian
Ich bin ein 1983 geborener Hamburger und habe erst vor wenigen Jahren meine Leidenschaft für das Wandern entdeckt - besonders fürs Fernwandern. Seither genieße ich regelmäßig das Gefühl absoluter Freiheit, wenn ich mit dem Zelt auf dem Rücken loslaufe und tagelang in eine Himmelsrichtung marschiere.

7 Comments

  1. Hallo Gentle G,
    Es wird wohl Zeit dich etwas aufzumuntern.
    Deine Videos finden wir gut,das bringt viel Abwechslung in dein Tagebuch.Zusammen mit meiner Frau schauen ich diese an und sage meist, mensch waren das noch gute Wege da unten, also sei vorbereitet wenns allmählich anders wird.Du bist ja am 21.3. gestartet, wir am 22.3.Gegenüber uns bist du jetzt 11 Tage hintendran.Allerdings sind wir wegen Magenproblemen 3 tage in Harpers Ferry (das ist nur ein teures Touristenkaff am besten registrieren und gleich weiterlaufen.) geblieben, und kurz vor Kathadin nochmal 4tage wegen einer Verletzung und waren trotzdem am 4.9. oben.Nimms sportlich: versuche im Monat Juni und Juli je 500 Meilen zu schaffen.Übrigens sieht es so aus als hättet ihr in Pearisburg genau das gleiche
    Motelzimmer bekommen wie wir letztes Jahr.
    Wir drücken die Daumen!! Hänsel und Gretel

  2. My son and I must have just missed you today on McAfee’s Knob! Feel free to e-mail when you know when you’ll be near Glasgow/Buena Vista/Rt. 501/Rt. 60. My sons and I will be happy to shuttle you! Happy trails!

  3. Moin moin Christian!
    Die hinter Dir liegende Strecke ist für 99,99..% der Leute jenseits jeder Vorstellungskraft. Das ist schon jetzt eine enorme Leistung. Hut ab!
    In jedem Projekt ist der Zeitdruck der größte Stressfaktor. In diesem Fall stehen mehr Meilen gegen mehr Spaß.
    Bevor Ihr den Takt erhöht habt, hatte ich den Eindruck, dass die Wanderung mit viel Spaß belegt war. Zero Days nach Bedarf und Hamburger nach Hunger! Warum soll es nicht so weiter gehen?
    Natürlich hat man immer das große Ziel im Auge. Aber mehr zählt doch, dass man fit und motiviert so weit wie möglich kommt.
    Ich denke, am Ende Deines Tagebucheintrags hast Du Deine Gedanken in der Richtung formuliert. Kann ich voll nachvollziehen.
    Weiterhin viel Spaß!

  4. Hallo. Das Gefühl ist eigentlich normal. Ich bin zwar nur ein 48footer aber ich fand wenn man unterbricht, duscht, gut ißt usw daß der nächste Tag dann psychologisch gesehen einfach mies ist. Die Whites und auch die Maine woods werden noch hart werden. Aber man kann ja auch section hiker sein. Wie auch die Entscheidung ausfällt, hoffentlich kehren Mut und Freude am wandern wieder zurück. MWLymn

  5. Hallo Gentle G,
    ich denke es ist langsam Zeit für dich, dich zu entscheiden ob du am Ende deiner Reise auf dem Kathadin als Thru-Hiker stehen willst oder nur ein Section Hiker sein möchtest. Als Thru-Hiker im Speziellen aus Deutschland gilt nun mal die Regel, das jeder seinen eigenen Weg gehen musst. Das heißt aber auch in der Konsequenz alte Freunde manchmal zurück zu lassen, auch wenn dass augenscheinlich schwer fällt und neue Freunde finden. Auf dem Weg ist das nicht sehr schwer, dass hast du ja sicherlich bereits erfahren. Solltest du den Katahdin wirklich erreichen wollen, musst du mit jeder Faser deines Körpers dafür brennen. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen es lohnt sich. Das werden dir Hänsel und Gretel sicherlich bestätigen können. Das Gefühl nach 3500 km am Katahdin anzukommen lässt sich nicht in Worte fassen, man muss es erleben. Du hast jetzt die Chance dich zu entscheiden ob du das möchtest oder nicht und zwar jeden Tag aufs Neue. Ja es werden noch viele Tage kommen, aber meine Strategie war es z.B. jeden Tag etwas positives abzuringen und mit einem Lächeln auf den Lippen einzuschlafen. Das klingt super schmalzig, ist aber super schwer. Denke doch einfach mal am Ende des Tages im Shelter über eine einzige positive Sache nach die dir an diesem Tag gefallen hat. Sei es eine Trailmagic, ein Tier oder vielleicht einfach nur ein trockenes Dach über dem Kopf mit einer warmen Mahlzeit. Versuche es doch einfach mal ;D.
    Grüße TakeItEasy

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